Wir brauchen ein neues „Wir-Gefühl“

Ein Gefühl, welches Muslime und Nicht - Muslime eint. Gerade jetzt, nach den schlimmen Terroranschlägen von Paris. Eines ist doch klar: die Islamisten wollen einen Kampf der Kulturen inszenieren. Sie möchten, dass sich die Fronten verhärten, dass sich ihr Hass überträgt. Auch sie wissen, dass ein Terroranschlag nicht dazu führt, dass keine Karikaturen des Propheten mehr gezeichnet werden. Das Gegenteil ist der Fall. Aber ein Anschlag kann einen Keil durch die Gesellschaft treiben und antimuslimische Ressentiments anheizen. Was letztendlich dazu führt, dass Muslime ausgegrenzt werden.

Was kann für islamische Terroristen besser sein, als Muslime, die sich nicht akzeptiert fühlen? Die frustriert sind, weil sie sich nicht anerkannt fühlen.

Muslime, die merken, dass sie nie als echte Belgier, Franzosen oder Deutsche angesehen werden?

Eine echte Steilvorlage zur Rekrutierung, gerade in sozialen Brennpunkten.

Salafisten agieren vor allem dort sehr erfolgreich. Gestrandete junge Männer im Regelfall ohne einen Schulabschluss, die oft mit Drogen und anderer Kriminalität zu tun haben, empfinden den Salafismus als eine Art strukturierten Alltag. Der Salafismus gibt klare Vorgaben, wie man sich etwa kleiden und verhalten muss. Und natürlich bietet er Geborgenheit in einer Gruppe.

Er ist so etwas wie eine neue Familie, aber auch Kampfgemeinschaft.

Nach den Ermordungen der Charlie Hebdo Karrikaturisten berichten uns Wilhelmsburger Lehrer und Erzieher, dass sie über diesen Terror mit Kindern und Jugendlichen oft kaum sprechen können. "Das haben die verdient", sagt etwa eine Vierzehnjährige. Jugendliche sprechen davon, dass es sich bei den Terroranschlägen um ein "Komplott" gegen die Muslime handle.

Die Pädagogen fühlen sich hilflos bei so viel Verbohrtheit.

Da helfen dann wenigstens öffentliche Aussagen, zum Beispiel des Zentralrates der Muslime in Deutschland.

"Wir verurteilen diesen abscheulichen Terroranschlag aufs Schärfste. Wir sind erschüttert und schockiert über dieses Massaker, das an Zeitungsredakteuren und anderen Personen verübt wurde und wir trauern mit den Hinterbliebenen. Es gibt keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten. Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft. Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen. Wir rufen alle dazu auf den Extremisten nicht auf dem Leim zu gehen, die die Gesellschaft spalten, Hass und Zwietracht zwischen den Religionen schüren wollen.."

In unserem Stadtteil gibt es viel zu tun, wir alle müssen uns gemeinsam für Toleranz und Freiheit einsetzen, müssen reden, uns Zeit für die nehmen, die sich ausgegrenzt fühlen. Wir brauchen aber auch Kraft, um uns oft mit verbohrten Argumenten auseinander zu setzen.

Wir brauchen ein neues Wir- Gefühl, ein Gefühl, welches Muslime und Nicht- Muslime eint.

Daniel S., Jan. 2015

 

 

Ein junger Mann schreibt uns:

Was habe ich nicht alles versucht, um mich in die Gesellschaft zu integrieren. Zuallererst interessiert mich die deutsche Kultur, das Verhalten und die Denkweise der Menschen hier. Wenn ich Menschen offen anspreche, sei es im Fitnesscenter, in der Bahn, dem Bus oder im Einkaufszentrum bekomme ich meistens abweisende Reaktionen. Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen gar nicht mit mir sprechen wollen, dass sie wegen meines Äußeren ablehnend auf mich reagieren.

Da vollbärtige Männer in den Medien oft als radikale Islamisten eingestuft werden, denken die Menschen wohl, dass ich auch so einer bin und sie haben Angst vor mir.

Dabei will ich sie doch nur kennen lernen. O.K., auf der Arbeit verstehe ich mich mit meinen Kollegen sehr gut, zumindest empfinde ich es so. Ich kann mich mit meinen Kollegen über alle Themen austauschen, allerdings fällt das mit Fremden leider schwer.

Ich bin hier geboren und habe den deutschen Pass und sehe mich nicht als einen, der einen Migrationshintergrund hat. Außerdem mag ich das Wort gar nicht.

Ich wünsche mir, dass die Menschen offener mit mir umgehen, wegen meines Äußerem möchte ich nicht immer gleich abgestempelt werden.

Ich wünsche mir mehr Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

Ibo B., Jan. 2015