Erfahrungsbericht von Emily Laugwitz

Meine Erlebnisse und Erfahrungen als zweifache Praktikantin im HdJ Wilhelmsburg

 

von Emily Laugwitz (S)

 

Wilhelmsburg ist bekannt als einer der sozialen Brennpunkte Hamburgs. Es hat einen Ausländeranteil von über 50%.

Schon vor meinem Praktikum wurde ich mit vielen Vorurteilen über Wilhelmsburg konfrontiert.

Ich hörte viele Sätze wie „Wie? Du gehst nach Wilhelmsburg? Da kannst du dich aber auf was gefasst machen.“

Das HdJ liegt mitten in Wilhelmsburg. Es ist eine vom Staat finanzierte soziale Einrichtung in der Kinder und Jugendliche von 6 bis 25 Jahren Sport machen, spielen, Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen, Musik machen und vieles  mehr.

Dass es noch viel mehr ist, als das, war mir an meinem ersten Tag noch nicht bewusst.       

Als ich an diesem Tag an die blaue Metalltür des Büros klopfte, war ich etwas nervös, weil ich keine Ahnung hatte, was mich erwartete. Niels öffnete mir, den ich schon von einem kurzen Vorstellungsgespräch vor einigen Wochen kannte. Er stellte mich Uli Gomolzig, dem Chef im HdJ vor.

Wir sprachen kurz miteinander und ich war froh, dass das Gespräch so ungezwungen und freundlich war. Später wusste ich, dass das in diesem Beruf eine unbedingte Voraussetzung ist. Zu dritt legten wir meinen Arbeitsplan fest. Ich sollte in zwei Bereichen arbeiten: In Nermins Hortgruppe und im Psychomotorikangebot.

Nermin, einer jungen Türkin, wurde ich dann auch gleich vorgestellt. Sie erklärte mir den Tagesablauf in ihrer Hortgruppe, die aus Kindern zwischen der ersten und der vierten Klasse bestand. Die Kinder kamen um ca. 1 Uhr aus der Schule, aßen dann etwas, machten dann unter Anleitung ihre Hausaufgaben und hatten danach Zeit zum Spielen.

Die ersten Tage waren nicht leicht für mich. Ich war mit einem Schlag in eine Welt versetzt, die sich so sehr von dem behüteten Leben in einer Kleinstadt wie Buchholz unterschied und obwohl alle Mitarbeiter mich freundlich aufnahmen und ich mich von Anfang an geborgen fühlte, war ich von den vielen Menschen und dem Kontakt mit fremden Kulturen etwas eingeschüchtert.

 

 

Ich hatte Angst, dass der Kontakt mit den Kindern so nicht entstehen würde, aber zu unrecht. Denn die Kinder kamen von sich aus auf mich zu. Sie stellten ein paar Fragen und mit deren Beantwortung war ich als Teil ihrer Gruppe akzeptiert und wurde als solcher auch zum Spielen und Helfen bei den Hausaufgaben in Anspruch genommen.

Mit jedem Tag brachte mir die Arbeit mit den Kindern mehr Spaß. Ich merkte, wie sehr sie sich von den Kindern, die ich kenne unterschieden. Vielleicht kommt es dadurch, dass sie viel weniger besitzen, aber ich hatte das Gefühl, sie können sich viel mehr freuen als die Kinder z. B. an unserer Schule. Mich haben einige Szenen berührt, wie die, als ein Junge zu einem Mädchen sagte: “Du hast aber eine schöne neue Jacke.“  Und das Mädchen antwortete: „Ja, die war teuer, hat 12€ gekostet.“

Nie vorher war mir so klar (und ich habe mich fast dafür geschämt) wie viel ich eigentlich besitze: ein eigenes Zimmer, lauter schöne Dinge, ein eigenes Haus, eine schöne Schule und vor allem Eltern voller Liebe und Zuwendung. Denn, wie ich auch später von Uli bestätigt bekam, kommen viele der Kinder aus Elternhäusern, wo dies wenig oder gar nicht vorhanden ist. So lässt sich auch erklären, warum einige der Kinder mit jedem Tag mehr an mir hingen und quasi jede Sekunde mit mir ausnutzen wollten. Sie genossen es einfach, dass ihnen jemand bedingungslos Liebe und Aufmerksamkeit schenkte.

Der andere Bereich, in dem ich arbeitete war die Psychomotorik.

Psychomotorik im HdJ ist ein Sportprogramm vorwiegend für Schulkinder.

An dem Programm nehmen Klassen aus umliegenden Schulen teil; es ersetzt und ergänzt den regulären Sportunterricht für jeweils ein Jahr.

Die Stunde beginnt mit einem spielerischen Aufwärmprogramm und einer Begrüßungsrunde.

In der Sporthalle ist ein in verschiedene Elemente aufgeteilter Kletter- und Balancierparcours aufgebaut. Während der Stunde werden die Kinder von mehreren Mitarbeitern (z.B. Praktikanten, Lehrern, Eltern, Honorarmitarbeitern) begleitet und angeleitet.

Sie geben Hilfestellung bei schwierigen oder riskanteren Übungen und motivieren die Kinder durch ihnen zugewandte Gespräche.

Viele der Kinder verbringen den Großteil ihrer Freizeit drinnen und leiden unter Bewegungsmangel und damit oft verbundener Konzentrationsschwäche o. ä.! Umso deutlicher fallen die Erfolge der Psychomotorik aus. Die Kinder finden Freude an der Bewegung und lernen ihren Körper und dessen Fähigkeiten neu kennen. Nebenbei werden indirekt Sprachvermögen und Sozialverhalten gestärkt.

Viele Kinder sind anfangs unruhig oder aggressiv und können sich schwer an Regeln halten. Das sieht am Ende des Jahres schon ganz anders aus.

Ich selber habe die meiste Zeit des Psychomotorik Programms mit Beobachten verbracht und konnte in jeder Stunde neue und interessante Erfahrungen sammeln, aus dem Verhalten der Kinder genauso wie aus dem Verhalten der Mitarbeiter und so nach und nach auch immer mehr meine eigene Arbeit in die Sportstunden mit einbringen.

Insgesamt nutzen wöchentlich ca.650 Kinder zwischen drei und fünfzehn Jahren das umfangreiche Sportprogramm des HdJ. Claus Niemann leitet die Durchführung des Programms in der Sporthalle. Vielleicht ist er dem einen oder anderen bekannt, denn er wohnt in Kakenstorf. Als ehemaliger Polizist ist er eine Art Berühmtheit in Wilhelmsburg. Jetzt ist er pensioniert und leitet wie gesagt die Durchführung der Psychomotorik im HdJ.

Zur Psychomotorik gehört unter anderem auch ein Zirkusprojekt, bei dem ich mit Freuden jeden Mittwoch mitgearbeitet habe.

Umso länger ich im HdJ war, desto mehr bemerkte ich, dass es sich hierbei um viel mehr, als nur um eine Betreuungsstätte für Kinder und Jugendliche handelt. Das Programm ist sehr facettenreich. Die Kinder werden auf ihrem Schulweg begleitet bis einschließlich zur Bewerbungshilfe, es gibt Sprachkurse für Eltern, Mutterfrühstücke, Fußballtraining u. v. m.! Für einen großen Teil der Kinder ist das HdJ ein zweites Zuhause geworden und sie gehen jeden Tag mit Freuden hin.

Die Arbeit der Mitarbeiter ist sehr zu bewundern, denn sie leisten jeden Tag mehr als nur ihre Pflicht. Ich habe ihre Art mit den Kindern umzugehen jeden Tag aufs Neue bestaunt und mir gewünscht, ich würde das auch können.

Der Abschied fiel mir bei beiden Malen sehr schwer. Ich hatte die Kinder, die Mitarbeiter und die anderen Praktikanten schnell ins Herz geschlossen.

Ich dachte eigentlich, dass ich diesen Kindern vielleicht etwas beibringen könnte, aber in Wirklichkeit war ich es, die von ihnen gelernt hat. Ich habe nie in so kurzer Zeit so viele Eindrücke gesammelt wie hier. Und nie hatte ich das Gefühl, dass sich so viel Fremde so schnell in Freunde verwandelt haben.

 

 

Emily Laugwitz 12/2011

veröffentlicht in der Schulzeitung der Rudolf - Steiner - Schule Nordheide