Nach allen Regeln der Gewalt

04.07.2010

Immer brutaler gehen Hamburger Jugendliche aufeinander los. Aber auch vor Unbeteiligten machen sie nicht Halt. Experten und Betroffene berichten über ihre ganz persönlichen Erfahrungen Von Jens Meyer-Wellmann, André Zand-Vakili, Eva Eusterhus.

Die Jugendgewalt nimmt deutlich zu. Zuletzt machten die tödliche Messerattacke des 16-jährigen Elias A. am Jungfernstieg und die Massenschlägerei einer Jugendgang mit der Polizei in Neuwiedenthal Schlagzeilen. In Beiträgen für die "Welt am Sonntag" schildern Menschen, die beruflich oder privat mit dem Thema Jugendgewalt konfrontiert werden, ihre Erlebnisse - und zeigen Auswege auf.

 

Der Polizist

Philipp Lauckenmann, Mitglied der Deutschen Polizeigewerkschaft, arbeitet seit drei Jahren am Polizeikommissariat in Wilhelmsburg.

"So extrem wie in Neuwiedenthal bin ich noch nie angegangen worden. Beleidigungen und Pöbeleien muss ich mir aber täglich anhören. Generell kann man sagen, dass der Respekt abnimmt. Es sind vor allem Jugendliche und junge Männer mit Migrationshintergrund, die in ihrer ganz eigenen Welt leben und das System hier und damit auch die Polizei nicht anerkennen. Sie sind besonders auffällig, wenn sie in Gruppen auftreten. Nachher, wenn sie im Funkstreifenwagen sitzen, sind sie anders. Das Problem ist die Justiz. Die jungen Männer spüren einfach keine Konsequenzen. Wir hatten Festgenommene im Wagen sitzen, die gerade einer alten Frau die Knochen bei einem Überfall gebrochen hatten und die dann fragen, was man überhaupt wolle. Sie seien ja sowieso in ein paar Stunden wieder draußen. Nicht nur der Täter, auch sein gesamtes Umfeld sieht das als Signal, dass man als Straftäter nicht viel zu befürchten hat. Ich wünsche mir eine Justiz, durch die ein Täter wirklich spürt, dass Straftaten Konsequenzen haben. Das würde vieles ändern."

 

Der Sozialarbeiter

Uli Gomolzig leitet das Haus der Jugend in Wilhelmsburg.

"Wir haben festgestellt, dass die Gewaltspirale mittlerweile sehr früh beginnt. Früher hatte man mit 14- oder 15-Jährigen zu tun, die gewalttätig waren. Heute beginnt das bei manchen schon mit sieben oder acht Jahren. Da wird gemobbt, abgezogen oder auf am Boden Liegende eingetreten. Je früher man dem entgegenwirkt, umso besser. Im Haus der Jugend fangen wir deswegen schon bei den Kleinen an. Wir binden sie in Programme und gezielte Aktivitäten ein. Abhängen ist bei uns nicht angesagt. Und die Hausordnung, die Drogen, Alkohol, Waffen und Gewalt verbietet, wird respektiert. Jugendliche wollen keine Sozialarbeiter, die ihnen nach dem Mund reden. Sie wollen Leute, die ihnen klare Grenzen setzen. Natürlich erreichen wir nicht alle. Aber insgesamt haben wir in Wilhelmsburg mit unserer Arbeit großen Erfolg gehabt. In den 90er-Jahren galten die Wilhelmsburger Türken Boys, die WTB, mit ihren fast 100 Mitgliedern als am straffsten organisierte Gang Hamburgs. Durch die Aktion 'Wilhelmsburg, stark ohne Waffen und Gewalt', an der sich viele Einrichtungen des Stadtteils beteiligten, durch viele Gespräche, auch mit der Polizei, haben wir es geschafft, die Situation zu entspannen. Heute arbeiten zwei ehemalige WTBler als Honorarkräfte im Haus der Jugend."

 

Der Aussteiger

Cem Gülay, Sohn türkischer Einwanderer, wuchs in der Lokstedter Lenzsiedlung auf. Mit 20 Jahren gehörte er einer Gangsterbande an.

"Egal, ob in Großstädten oder in der Provinz: Die Gettoisierung von Migranten-Jugendlichen, gepaart mit einer großen Gewaltbereitschaft, nimmt zu. Diese Gangs sind eine Folge einer naiven Integrationspolitik. In diesen Kreisen kommt es nur noch darauf an, sich zu behaupten. Das neue Feindbild ist der bürgerliche Deutsche. Vor allem ausländische Jugendliche suchen die Gang, weil sie dort ein Zugehörigkeitsgefühl finden, das sie in der deutschen Gesellschaft nicht finden. Diese Jugendlichen sind zu jeder Gewalttat bereit. Sie fürchten weder den Tod noch das Gefängnis. Hauptsache, sie sind nicht wieder die Schwachen, die Opfer, wie sie es unter den Deutschen immer sind. Was der durch nichts zu rechtfertigende Gewaltausbruch in Neuwiedenthal deutlich macht, ist, wie viel Wut diese Jugendlichen in sich tragen. Wut, die beim kleinsten Funken ausbricht. Diese Wut rührt von dem Gefühl her, so oder so keine Chance zu haben. Die Problematik von Gangs wird in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen. Die Ursache liegt in der Konzeptlosigkeit der Politik und der fehlenden Empathie auf beiden Seiten."

 

Der Lehrer

Ramses Michael Oueslati ist deutsch-tunesischer Lehrer an der Gesamtschule Kirchdorf, in der der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei fast 90 Prozent liegt. Im Rahmen der transkulturellen Jungenpädagogik arbeitet er mit Jungen aus Migrantenfamilien.

"Eine Ursache für eine hohe Gewaltbereitschaft mancher Jugendlicher mit Migrationshintergrund liegt in dem Gefühl, in dieser Gesellschaft chancenlos zu sein. Viele merken, dass sie auch mit einem ordentlichen Hauptschulabschluss kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Hinzu kommen Erfahrungen mit Rassismus. Es ist für viele meiner Schüler schwierig, dass ihre Probleme, aber auch ihre Kompetenzen kaum gesehen werden. Nehmen Sie zum Beispiel die Schulbücher: Obwohl bald die Hälfte aller jüngeren Schüler einen Migrationshintergrund hat, spielen die Themen Migration, Integration und Rassismus in Schulbüchern und Lehrplänen kaum eine Rolle. Das zeigt den Schülern, dass man sich für ihre Lebenswirklichkeit kaum interessiert. Problematisch ist auch, dass ausgerechnet die Migranten beim Volksentscheid über die Schulreform nicht abstimmen dürfen, dabei ist diese Reform gerade für sie von großer Bedeutung. Drei Dinge wären wichtig, auch um der Gewalt entgegenzuwirken: Erstens brauchen wir eine Schulreform. Zweitens eine Lehrerfortbildung, die die kulturelle und soziale Diversität der Schülerschaft thematisiert. Und drittens muss Schule damit umgehen, dass viele Schüler mit Migrationshintergrund sich in zwei Heimaten wohl fühlen."

 

Der Nachbar

Dennis K., 24, ist im Stadtteil Neuwiedenthal aufgewachsen. Den Fall Mirko, der 1997 von einer Gang in den Tod getrieben wurde, hat er als Kind miterlebt.

"Man kann in diesem Stadtteil wohnen, aber nicht leben. Es ist ja schön, wenn man ein tolles Haus der Jugend hat, einen tollen Sportplatz oder sonst was. Aber als Junge konnte ich dort nicht hingehen. Solche Plätze waren immer von Gangs oder Gruppen besetzt. Das waren Typen, die aus den blödesten Gründen Streit suchten, um zu zeigen, was für tolle Macker sie sind. Auch als normales Mädchen ging das gar nicht. Die Beleidigungen und das Begrabschen, das die erdulden mussten, sind unvorstellbar. Das musste ich nicht haben."

 

Der Pastor

Pastor Thies Hagge hat das Hilfswerk Arche in Jenfeld ins Leben gerufen, das sich um Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen kümmert. Eine von ihm begründete Box-Akademie gibt Jugendlichen die Möglichkeit, Disziplin und Selbstrespekt zu lernen.

"Der Begriff Respekt bezeichnet laut Wikipedia 'eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einer anderen Person (Respektsperson) oder Institution'. Mittlerweile ist er unter bestimmten Gruppen von Jugendlichen aber oft zum Synonym für beinahe das Gegenteil geworden: ,Du hast Respekt vor mir' meint: ,Du hast Angst vor mir.' Weil sie in der Schule gescheitert sind, kaum realistische Chancen auf ein erfüllendes Berufsleben haben, weil ihre Eltern sie nicht loben und wertschätzen, haben sie keinen Selbstrespekt. Um das zu kompensieren verlangen sie anderen 'Respekt' ab, Angst. Der Weg zu bewaffneten Gewalttaten führt über sich ständig steigernde Grenzüberschreitungen; zuerst werden Gleichaltrige und dann aber auch bald Autoritäten, Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter mit wüstesten Beleidigungen bezeichnet. Oft erfahren Jugendliche hier nicht, dass sie ernst genommen werden, indem ihnen Grenzen gesetzt werden. So kann die Eskalation fortschreiten. Sie kann nur verhindert werden, wenn Kindern und Jugendlichen frühzeitig Selbstrespekt vermittelt wird. Erster und wichtigster Ort dafür ist das Elternhaus, dann folgen Kita, Schule, Berufswelt." ee/jmw/zv