Umgangsformen — Ein alter Hut?

Ein Nachmittag im Haus der Jugend Wilhelmsburg. Zwei Jugendliche, ca. 14 Jahre alt, offensichtlich befreundet, begrüßen sich. „Na, Sackgesicht?!“ Es folgt ein Schlag in den Nacken. Das ist eine alltägliche Szene, die sich so oder ähnlich täglich vielfach im HdJ wiederholt. Der Umgangston ist rau und oftmals wenig von Wertschätzung geprägt. Ich arbeite hier nun schon seit fünf Jahren, aber diese Art des Umgangs miteinander ist für mich schwer zu ertragen. Nun ist es natürlich klar, dass Jugendliche ihre ganz eigene Art und Weise haben miteinander zu kommunizieren. Das ist schon immer so gewesen und das ist auch bis zu einem gewissen Grad normal. Eigene Rituale und spezielle Ausdrucksweisen können helfen den Zusammenhalt der Clique zu stärken und sie dienen so dem Autonomiebestreben der jungen Leute. Dazu sollte aber auch stets eine Grundhaltung gehören, die eine Wertschätzung des Gegenübers erkennen lässt. Just diese vermisse ich aber allzu oft in dem Verhalten der Kinder und Jugendlichen. Stattdessen sehe ich plattes Imponiergehabe und Verhaltensweisen, die eher der Einschüchterung, als der Begrüßung  dienen. Ist es in Ordnung sich über so etwas aufzuregen? Oder ist es schlicht intolerant und nicht mehr auf der Höhe der Zeit? Müssen wir es hinnehmen, dass Umgangsformen sich ändern? Dabei ist es mir ganz wichtig festzustellen, dass sich dieses Phänomen des fehlenden Respekts den Mitmenschen gegenüber keinesfalls nur auf die Kinder und Jugendlichen beschränkt und schon gar nicht auf jene im Haus der Jugend Wilhelmsburg. Weite Teile der Gesellschaft, unabhängig von Alter, Einkommen und Bildung, scheinen von einer Art antisozialem Virus befallen zu sein. Wo man auch hinschaut, die Rüpel sind schon da. Es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein. Es geht viel zu oft nicht mehr darum, dem Mitmenschen durch sein Verhalten Gemeinschaft zu vermitteln, sondern es geht darum zu dominieren, zu demonstrieren man ist einfach viel besser, stärker, schöner. Und woher sollen Kinder und Jugendliche Umgangsformen und Respekt vor anderen lernen, wenn sie diese Dinge in ihrem Elternhaus nicht hinreichend vermittelt bekommen? Als Beispiel mag ein Fall vom Sommer 2011 herhalten, der sich in einem Gymnasium zugetragen hat. Der Rektor bestellte drei Elternpaare zu sich, deren knapp elfjährige Kinder das Facebook - Profil ihres Fachlehrers  gefälscht hatten. Sie hatten es mit Hardcore - Pornos aus dem Internet gespickt. In dem Gespräch lehnte es eine Mutter ab, ihr Kind zu einer Entschuldigung zu drängen. Sie fand es phantastisch, was ihr Kind schon alles absolut eigenständig am Computer bewerkstelligen könne. Respekt vor der Würde des Lehrers? Fehlanzeige! Dies mag ein sehr krasses Beispiel sein, aber ich kenne aus meinem Bekannten - und Freundeskreis ähnliche Fälle. Wenn es um die eigenen Kinder geht scheint vielen Eltern der Maßstab für Moral und die Würde Anderer abhanden gekommen zu sein. Und das Versäumnis der Eltern findet im Verhalten der Kinder seine Fortsetzung und manifestiert sich schließlich unter anderem in eingangs beschriebenen Verhaltensweisen. Der eigene Erfolg, das Fortkommen ist wichtiger als alles Andere. Wichtiger als die Würde und Integrität des Mitmenschen. Die Akzeptanz des Anderen, die Tatsache das meinem Gegenüber die gleiche Würde zusteht, wie ich sie auch für mich einfordere, ist aber der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammen hält. Daher ist es wichtig, dass wir alle uns dieser Tatsache bewusst sind und darauf achten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Um auf den Anfang des Textes zurück zu kommen: Sind Umgangsformen ein alter Hut? Definitiv nicht! Sie sind die Basis eines gemeinschaftlichen Miteinanders, und jeder von uns kann ein Multiplikator für einen guten Umgangston sein, indem er sich seiner Vorbildfunktion bewusst ist. Wobei es natürlich wichtig ist, dass unser Verhalten nicht nur eine bloße, anerzogene Hülle ist, sondern echter Ausdruck einer wertschätzenden Grundhaltung. Wenn wir uns dieser Dinge bewusst sind, können wir alle unseren Beitrag dazu leisten, in einer Gemeinschaft zu leben und nicht in einem System rüpelhafter Egomanen. Ein hehres Ziel, aber ich denke, eines auf das es sich hinzuarbeiten lohnt.   

 

N. H.