„Alles unter einem Dach“

Haus der Jugend Wilhelmsburg ist fester Bestandteil der Insel               von Lars Schmidt

 

„Guten Morgen Herr Niemann, so begrüßten die Erstklässler der Schule Fährstraße Claus Niemann in der Sporthalle im Haus der Jugend Wilhelmsburg (HdJ). Denn die Einrichtung auf der Elbinsel ist mehr als nur das klassische Haus, wo Jugendliche „abhängen“ können. Die Angebote dort reichen von Sport über Hausaufgabenhilfe, bis hin zu Deutschkursen für die Eltern. Aber natürlich gibt es auch den obligatorischen Kicker und Billardtisch.

 

■ WILHELMSBURG. Das HdJ ist eine gewachsene Einrichtung im Reiherstiegviertel. Seit 40 Jahren gibt es das HdJ bereits, und es ist mit seinen 1.600 Quadratmetern das flächenmäßig größte in der Hansestadt. Klar, beherbergt es  doch neben der Sporthalle unter anderem noch zwei Fitnessräume, ein Tonstudio und ein Café. Seit 15 Jahren ist Ulrich Gomolzig schon Leiter des Hauses der Jugend am Rotenhäuser Damm – und was viel wichtiger ist: Er ist Wilhelmsburger und kennt daher die Insel wie seine Westentasche. „Ich liebe diesen Stadtteil und sehe unsere Arbeit hier auch als eine Art Stadtteilentwicklung. Jugendarbeit heutzutage ist mehr als nur die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen“, so Gomolzig. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Schwerpunkt im HdJ auf Kinder, Jugend und Familie liegt. „Jugendarbeit macht doch nur Sinn, wenn man die Eltern mit einbezieht.“ So werden beispielsweise Sprachkurse für Eltern in den Räumlichkeiten des HdJ angeboten. Ein weiterer Schwerpunkt, den Gomolzig ist seiner Zeit als Leiter des Hauses gesetzt hat, ist die frühzeitige sportliche Betätigung der Kleinen. „Die Kinder bewegen sich zu wenig und werden immer dicker. Viele Lehrer erfahren im Sportunterricht, dass viele der Schüler die einfachsten Dinge wie Balancieren oder Rückwärtslaufen nicht mehr hinbekommen“, so der Pädagoge.

Und genau hier kommt jetzt unter anderem Claus Niemann wieder ins Spiel. Vielen Wilhelmsburgern dürfte er noch gut bekannt sein, war er doch lange Zeit „ihr“ Polizist – „der bürgernahe Beamte“ der Elbinsel.

Schon zu seiner aktiven Zeit, hat er gerne mit den Kindern und Jugendlichen im Haus der Jugend geschnackt. Er schätzte schon immer die Arbeit dort. Und so musste er auch nicht lange überlegen und entschloss sich nach seiner Pensionierung das Sportangebot im HdJ tatkräftig zu unterstützen – vom Großstadtrevier in die Turnhalle. „Claus Niemann ist auf der Insel bekannt wie ein bunter Hund und für viele Wilhelmsburger ist es durchaus noch ungewöhnlich, wenn er sich am Telefon meldet mit: Claus Niemann, Haus der Jugend Wilhelmsburg,“ so Ulrich Gomolzig.

Bei dem Sportangebot, dass unter anderem der ehemalige Polizeibeamte leitet, arbeitet das Haus der Jugend mit drei Schulen und zwei Kindergärten zusammen: der Bonifatiusschule, der Schule Fährstraße und der Schule Rotenhäuser Damm sowie den KITA’s Inselkinder und Kiddies Oase. Die Fünf- bis Sechsjährigen kommen jede Woche, statt Sport in ihrer Schule zu machen, ins HdJ, um sich dort körperlich zu  verausgaben - in einer etwas anderen Form.

Jedes Mal müssen die Kleinen einen Parcours absolvieren, sie  balancieren, klettern oder springen, jede Woche gibt es etwas anderes zu tun. Und der große Vorteil gegenüber der Schule: durch Freiwillige, Praktikanten oder Honorarkräfte sind bis zu zwölf Betreuer in der Halle, um den Kindern das richtige Bewegen beizubringen. „Nur mit einem solchen hohen Personalschlüssel können wir dieses Angebot anbieten und die Kinder gezielt fördern. Uns stehen vier Festangestellte, 25 Honorarkräfte, zirka 20 Ehrenamtliche, sowie eine  Vielzahl an Praktikanten zur Verfügung, auf die wir zurückgreifen können“, so Gomolzig. Dieses Programm scheint nicht nur bei den Schulen und Kindern anzukommen – es gibt eine regelrechte Warteliste – sondern auch die Behörde jenseits der Elbe hält es für unterstützenswert und fördert es daher.

So kommen bisher schon bis zu 470 Kinder in den Genuss im Haus der Jugend „Schulsport“ machen zu können. Doch dieses Angebot ist nur eines von vielen im HdJ. Es  sieht sich nämlich vielmehr als Stadtteileinrichtung Die Mitarbeiter suchen den Dialog mit den Bürgern. In den Räumlichkeiten des HdJ gibt es so auch noch einen Untermieter. Die Kita Inselkinder betreut die Kleinen in dem Gebäude direkt am Bunker. Außerdem werden die Räume auch für Stadtteilarbeitskreise und Elterninitiativen bereitgestellt. Nachmittags geht’s natürlich mit den Angeboten weiter.

Denn das Haus der Jugend hat montags bis samstags bis in den Abend geöffnet. So gibt es regelmäßig den pädagogischen Mittagstisch. Dort bekommen Schulkinder ein Mittagessen und sie können sich auf die Schule vorbereiten, ein Angebot vorallem für Kinder aus benachteiligten Familien.

Besonders stolz ist Ulrich Gomolzig auch auf das „hauseigene“ Tonstudio. „Unter der Leitung von Musikern oder Musikstudenten wurde es in Eigenregie eingerichtet, und nun können die Jugendlichen hier ihre eigenen CD’s aufnehmen“, so der Leiter des HdJ weiter. Doch nicht nur im Gebäude selber spielt sich das Geschehen ab, auch auf dem Platz vor dem Haus, direkt gegenüber vom Bunker sind die Jugendlichen bei schönem Wetter zu

finden. Es gibt eine Halfpipe für Skater, einen Fußball- und Beachvolleyballplatz. Das alles übrigens in Übereinstimmung mit den Anwohnern. Diese friedliche Nachbarschaft gibt es nicht überall, wo junge Menschen draußen spielen. Es zeigt aber wieder einmal mehr, dass das HdJ in Wilhelmsburg zum Stadtteilbild dazu gehört. Viele Wilhelmsburger sind dort groß geworden und  helfen heute als Ehrenamtliche mit - noch besser, sie haben gleich ihre Kinder im Schlepptau. Es beherbergt also mehrere Generationen unter einem Dach. Nicht umsonst wurde das Haus der Jugend im vergangenen Jahr vom Senat der Hansestadt für die hervorragende Arbeit ausgezeichnet. „Familie gewinnt“ so die Aktion.

Auf das HdJ Wilhelmsburg bezogen, sollte es wohl eher heißen: Ein ganzer Stadtteil gewinnt.

 

Neuer Ruf 2009